1. Einleitung

Einleitung

Die folgende Einleitung liefert geschichtliche und geographische Hintergrundinformationen, die wichtig sind, um die kulturelle Bedeutung und Dimension unseres Projektes einschätzen zu können.

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war das Betreten vieler Gebiete des Hindukusch- und Himalayaraumes für Fremde verboten, in manchen Regionen ist dies bis heute so. Die Täler der im afghanischen Nordosten des Hindukusch lebenden Kafirenstämme waren zusätzlich durch natürlichen Gegebenheiten nahezu unzugänglich.

Einige Täler waren an ihrer Mündung so schmal, dass man in den Schluchten, neben den Bächen oder -Flüssen, viele Kilometer lang kaum einen Fußweg fand. In den Sommermonaten waren die Wassermassen so groß, dass ein Passieren fast unmöglich war. Herunterbrechende Fels- und Schuttmassen -versperrten die Wege immer wieder zusätzlich.  Erst in den breiteren Höhenlagen befanden, und -befinden sich bis -heute, die wenigen und verhältnissmäßig kleinen Siedlungen und die steil in den Hang gebauten -Terrassendörfer der Kafiren.  Viele der Täler sind voneinander isoliert, in manchen sogar die Talabschnitte, andere sind durch Quertäler verbunden.

Somit war Kafiristan mit seiner reichen Holzschnitzkultur jahrhundertelang von den Entwicklungen der Außenwelt unberührt geblieben. Eine Verbesserung der Verkehrswege entwickelte sich in einigen Gebieten erst innerhalb des 20. Jahrhunderts. Mit der Zwangsislamisierung 1895/96 wurden die ersten der alten Schnitzwerke, die nicht als islamkonform geltende Motive zeigten, beschädigt oder zerstört.
Kafiristan, „Land der Ungläubigen“, wurde in Nuristan „Land des Lichts“ unbenannt.

Die Handwerker und Schnitzer – Bari genannt –, die zur untersten Schicht gehörten und Sklaven waren, wurden durch die Islamisierung zu freien Menschen. Viele davon verließen daraufhin ihre Heimat.

In den 1920er Jahren begannen die ersten Forscher, das Gebiet zu bereisen – in den folgenden Jahrzehnten auch eine kleine Anzahl von Ethnologen. Sie haben in einigen Regionen wichtige Feld-forschungen durchgeführt und diese teilweise veröffentlicht.

Auf ihren wiederholten Reisen stellten sie immer wieder fest, dass seit ihrem letzten Besuch beschnitzte alte Säulen, Türen und ganze Hausfassaden durch neue, einfachere ersetzt wurden, sowie ganze Häuser verschwunden waren. Dies war lediglich als Folge des Kulturwandels anzusehen oder es geschah, weil die Häuser aufgrund ihres Alters baufällig waren.

Diese Berichte und der in den 60er Jahren aufkommende Tourismus in Afghanistan, Pakistan, Nepal und Indien, erregten die Aufmerksamkeit von Antik- und Kunsthändlern. Diese begriffen schnell, dass es sich im Falle von Nuristan und anderen Gebieten des Hindukuschs um eine der wenigen letzten Kulturen handelte, von denen keine Objekte bekannt waren, geschweige denn sich in Privatsammlungen befanden.

Über Händler in der afghanischen Hauptstadt Kabul entwickelte sich ein regelrechter Verkaufsboom. Bevor dieser das eigentliche Nuristan erreichte, traf diese Entwicklung vor allem das südlich an Nuristan angrenzende Gebiet der Pashai mit ihrer ebenfalls reichen Schnitzkultur. Dieses Gebiet war leichter zugänglich und wurde in der Folge regelrecht leergeräumt.

Nach Nuristan wurden sogar Reisen angeboten mit dem Ziel, direkt von den Einheimischen günstig an alte Objekte zu kommen, um diese dann selbst gewinnbringend im Westen verkaufen zu können. Mitte der 60er bis 70er Jahre entwickelte sich Kabul zum größten Antik- und Kunstmarkt der Welt.

Tausende von beschnitzten Truhen, Stühlen und vielem mehr sowie Säulen, Türen und andere Architekturteile standen, teilweise unter freiem Himmel, zum Verkauf bereit. Eine große Anzahl von -Objekten verrottete innerhalb weniger Jahre – der Witterung schutzlos ausgesetzt. Von den Objekten, die verkauft wurden, gelangte der größte Anteil als einzelne Dekostücke in private Haushalte, ein kleiner Teil in Museumssammlungen und in unbekannte Privatsammlungen. Einerseits wurden durch diese Sammler viele Objekte gerettet, die heute aufgrund des Kulturwandels und des Krieges nicht mehr existieren würden. Andererseits war dies eine katastrophale Entwicklung für die Forschung. Objekte konnten nicht mehr einem genauen Herkunftsort zugeschrieben werden und Entwicklungen in Symbolik und Ornamentik der Schnitzwerke nicht mehr vor Ort nachvollzogen werden.

1978 begannen verschiedene Auseinandersetzungen und Kriege, die bis heute andauern. Einige Dörfer Nuristans und des Pashai-Gebietes wurden teilweise zerstört.

Der Verkaufsboom war erstmal gestoppt, verlagerte sich aber nach Pakistan, wie zum Beispiel in das erst 1969 an das Land angeschlossene Swat-Tal im Hindukusch. „Nirgendwo sonst im ländlichen Raum der islamischen Welt findet sich ein so reiches Mobiliar und so aufwendig beschnitzte hölzerne
Architektur.“ (Prof. Dr. J. Kalter 1989 1). Hier hatte sich der Kulturwandel, vor allem beim Hausbau, schon längst vollzogen.

Das Handwerk der Schnitzer, hier Tarkarn genannt, war ausgestorben. Waren früher beschnitzte Möbel und Architekturobjekte aus dem Swat auf dem Markt in Kabul aufgetaucht, so fand man nun Objekte aus Nuristan, dem Pashai-Gebiet und anderen Gebieten bei Händlern im Swat wieder. Auch das Swat-Tal selbst kann man Mitte der 90er Jahre als leergeräumt bezeichnen.

Im südlich davon liegenden Gebirgsraum des Pandschab war die Ausgangssituation für den Verkauf von beschnitzten Architekturteilen eine andere. Die aus dem 17. – 19. Jahrhundert stammenden Häuser der Großgrundbesitzer waren teilweise schon seit Jahren verlassen und verfielen. Die hochentwickelte und filigrane Schnitzkunst im Moghul-Stil war bereits ausgestorben. Architekturteile von beschnitzten großen Türumrahmungen, Türen und Arkaden wurden als Brennholz verwendet.
Nur verhältnismäßig wenige Stücke gelangten in den Kunsthandel, in Museen – oder allein schon Aufgrund ihrer Größe –, in private Sammlungen.

In den späten 80er bis 90er Jahren tauchten die ersten tibetischen Truhen, Schränke und Tische auf dem internationalen Markt auf. Meist kleinere Objekte, denn es war fast unmöglich, größere Stücke aus Tibet auszuführen. Wiederum durch einen Artikel (1997 erschienen 2), wurden Kunsthändler aus aller Welt aufmerksam. Tibetica-Händler hatten es leicht, ihre schon vorhandene Stammkundschaft
– die bisher hauptsächlich Buddhas oder Thangkas sammelte –, zum Kauf von rarem und meist ebenfalls mit religiösen Symbolen bemaltem Mobiliar zu überzeugen. So unspektakulär diese Verkäufe verliefen, so dramatisch und abenteuerlich ist die Geschichte dahinter:

1959 begann China Tibet zu besetzen.
Zehntausende Tibeter verloren ihr Leben.

Während der chinesischen Kulturrevolution von 1966 bis 1979, wurden mehrere tausend Klöster und Heiligtümer zerstört. Von dem fast ausschließlich in Klöstern aufzufindenden Mobiliar wurde ein Teil von den Chinesen als Beutegut mitgenommen. Ein anderer Teil konnte von Mönchen bereits lange vor der Kulturrevolution in Sicherheit gebracht werden. Die Stücke wurden in geheime Lager gebracht oder in private Haushalte, in denen die alten Truhen zum Teil als Vorratskisten genutzt wurden. Während der Kulturrevolution wurde es aber gefährlich, historische Gegenstände – vor allem mit religiösem Bezug –, zu besitzen. Bemalungen an Truhen und Schränken wurden weggekratzt oder übermalt. Ein großer Teil der Truhen mit Original-Bemalung erhielt sich nur, weil sie im Verlauf von Jahrzenten vom Rauch in den Küchen komplett geschwärzt worden waren. Somit als einfache Kisten „getarnt“, landeten sie in den 90er Jahren auf den Märkten von Lhasa und Nepal. Noch geschwärzte Truhen wurden günstig angeboten, unfachmännisch gereinigte und danach lackierte Truhen wurden – je nach der dann sichtbaren Bemalung –, relativ teuer verkauft.

Heute steht ein Teil des alten Mobiliars wieder in Klöstern. Nur wenige davon an ihren ehemaligen Standorten. Ein anderer Teil befindet sich in Museen und Privatsammlungen. Die wissenschaftliche Erforschung steht noch am Anfang.

Bis heute ist uns nur eine Privatsammlung bekannt, die Objekte aus all den genannten Gebieten, sowie fast aller angrenzenden Regionen und Ländern, enthält. Und dies in teilweise großer Stückzahl und weit über den indischen Subkontinent hinaus.

1Kalter, Johannes 1989. Swat – Bauern und Baumeister im Hindukusch (Seite 7). Edition Hansjörg Mayer, Stuttgart.
2Anninos, Tony 1979. „Painted Tibetan Furniture“ in Arts of Asia 27 (Seite 47 – 65). Kowloon, Hong Kong.

-> 2. Der Verein